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21.12.2019

Die schwarze Null

Die weihnachtliche Vorfreude wird durch ein neues Gesellschaftsspiel gekrönt, das heute unverhofft im Briefkasten liegt und schon jetzt als heißer Kandidat für den Kritikerpreis „Spiel des Jahres 2020“ gelten darf. Stifter sind die örtlichen Entsorgungsbetriebe. Die erfreuliche Sendung besteht aus einem aufklappbaren Spielplan mit einem kompliziert aussehenden Linienmuster, einer Unzahl an aufgedruckten farbigen Punkten und Ziffern sowie einer vielseitigen Anleitung. Die in geschmackvollen Blau-, Weiß- und Rottönen gehaltene Broschüre verheißt trotz des etwas drögen Namens „Ihr Abfall-Abfuhrkalender“ einen kurzweiligen Strategie- und Rätselspaß für die ganze Familie, bei dem der Gewinner derjenige ist, dem es als erstem gelingt, die Müllabfuhrtermine des kommenden Jahres korrekt vorherzusagen. Als Spielzeit wird eine Dauer von etwa neun Tagen angegeben, ein Mindestalter wird für die Teilnehmer nicht vorausgesetzt, auch kein abgeschlossenes Hochschulstudium.

Das hilfreiche Anweisungsbüchlein empfiehlt zunächst, aus dem mitgelieferten Straßenverzeichnis diejenige herauszusuchen, in der die eigene Immobilie belegen ist. Hier zeigt sich, wer strukturiert denken und planvoll handeln kann! Denn das akribische Register enthält sämtliche Gassen und Feldwege zwischen Puttgarden und Hamburg, wobei die Reihenfolge ihrer Erwähnung einem bis dato unbekannten Ordnungssystem folgt.

Ist die eigene Straße nach geschickter Ermittlungsarbeit herausgefunden, komme es auf die Farbe der Kennzahl an, läßt uns das schlaue Handbuch wissen. Denn jeder Straße im Kataster sei eine Nummer zugeordnet und die Nummer wiederum könne in verschiedenen Farbgebungen in Erscheinung treten. Dazu überrascht das Manual mit der geradezu philosophischen Feststellung, daß „je nach Farbe die Blaue Tonne an diesem Tag geleert oder nicht geleert wird.“

Bereichert um diese lehrreiche Erkenntnis notieren wir das Ergebnis der zwischenzeitlich vorgenommen Hochrechnungen zu unserer Straßennummernfarbkombination, wonach Rosenfelde — höchstwahrscheinlich — eine schwarze Null zugeordnet worden ist. Die Spannung am Spieltisch ist zu diesem Zeitpunkt, das darf man ohne Übertreibung sagen, bereits nicht mehr zu überbieten. Der Rest ist dann wirklich babyeinfach, denn den entscheidenden Wink für den furiosen Schlußspurt der Knobelei gibt an dieser Stelle einmal mehr das sorgfältig kuratierte Regelwerk mit kühler Präzision: „Wenn diese Kennzahl und Ihre Farbe im Abfuhrkalender übereinstimmen, wird die Blaue Tonne im vierwöchentlichen Rhythmus mit dem Gelben Sack, Bioabfall und Restabfall abgeholt. Wenn nur die Kennzahl übereinstimmt, wird der Gelbe Sack, Bioabfall und Restabfall abgeholt. Wenn nur die Farbe übereinstimmt oder zwei ihrer Komplementärfarben bei additiver Farbmischung nicht Reinweiß oder Schwarz ergeben, die Quersumme der Kennzahl jedoch eine natürliche Zahl zwischen eins und zehn beträgt, wird der Biomüll abgeholt, aber nur, wenn er vorher rausgestellt wurde. Fällt die erste Hälfte der farbigen Kennzahl auf einen Werktag, der unmittelbar auf einen kirchlichen Feiertag im Lande Schleswig-Holstein folgt, muß der gelbe Sack am Vorabend aus der blauen Tonne geholt und in einer grünen Tüte in die graue Tonne gesteckt werden, die hinter der orangefarbenen Komforttonne (siehe Blogeintrag vom Mai 2013) in einem rotweißen Sack auf dem Grundstück des rechten Nachbargrundstücks (von Westen aus gesehen) abzustellen ist, der an diesem Tag nicht abgeholt wird (der Sack, nicht der Nachbar). Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“

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